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Mutmach-Geschichte zum 2. Advent

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Frau Blümel und ihr Vogel

„He, runter von meiner Nase!“ schimpfte Frau Blümel. Sie schüttelte heftig ihren Kopf und wedelte wild mit frisch lackierten Fingernägeln vor ihrem Gesicht herum. „Nein!“ krächzte Rocky und krallte sich noch etwas fester in Frau Blümels ausgeprägten Riechhöcker. Flügelschlagend versuchte er, sein Gleichgewicht zu halten und starrte ihr furchtlos ins Gesicht. „Ja wirst du wohl verschwinden, du Mistvieh?! Runter mit dir, sonst pack ich dich und du landest im Kochtopf!“ Rocky flog kurz auf, um der rotlackierten Hand, die ihn greifen wollte, auszuweichen und landete dann erneut weich und elegant auf ihrem Riechkolben.

„Was bist du denn heute so garstig zu mir?“ fragte er mit seiner heiseren Stimme und tippelte auf Frau Blümels Nase entgeistert hin und her. „Sonst freust du dich doch über meine Gesellschaft und genießt es, wenn ich dich besuchen komme!“ Frau Blümel setzte sich auf einen Stuhl und fing an zu weinen. Große Tränen kullerten über ihr Gesicht. Rocky kletterte die Nase bis zu ihren Augen hinauf und wischte ihr sanft mit seinen Flügeln die Tränen ab. Dann lief er wieder ein paar Schrittchen zurück und sah sie aufmerksam an. „Was ist den los mit dir, Frau Blümel?“ zwitscherte er leise und strich mit seinem Schnabel zart an ihren Nasenflügeln entlang. „Was macht dich denn so traurig?“ Frau Blümel holte tief Luft und sah den kleinen Vogel auf ihrer Nase unglücklich an. „Es ist – wegen meiner Nase,“ sagte sie. „Wegen deiner Nase? Was ist denn mit der?“ Rocky sah sie verständnislos an. „Na ja…“ Frau Blümel seufzte tief und druckste etwas herum. „Jetzt raus mit der Sprache! Was ist mit deiner Nase?“ Rocky plusterte sich ungeduldig auf und putzte nervös sein Federkleid. „Also gut, ich sag’s dir: Sie ist viel zu groß! Und zu lang! Ich sehe aus wie eine Hexe! Und alle Kinder aus der Nachbarschaft lachen mich aus! Und beim Essen und Trinken ist sie mir auch im Weg! Und beim Anziehen! Und beim…“ „STOP!“ rief Rocky und schlug einhaltgebietend mit seinen Flügeln. „Und das fällt dir jetzt alles ein? Du hast diese Nase doch schon von Kindesbeinen an! Wie alt bist du denn jetzt, Frau Blümel?“ „Das fragt man eine Dame nicht,“ antwortete Frau Blümel verschämt und errötete. Rocky lief nachdenklich auf ihrer Nase auf und ab, kratzte sich am Schnabel, sah ihr dann lange ins Gesicht und sagte feierlich:

„Du hast die schönste Nase weit und breit, die sich ein Vogel wie ich nur wünschen kann, sehr verehrte Frau Blümel! Nirgendwo sonst kann ich so elegant landen, so schön auf und ab stolzieren, mein Morgen- und mein Abendlied inbrünstig singen und mit keinem anderen Menschenkind sonst kann ich mich so gut unterhalten wie mit dir, liebe Frau Blümel! Deine Nase passt zu deinem Gesicht, sie ist kleidsam zu deiner Garderobe, ja deine Nase gleicht geradezu einem Gedicht! Warte, Frau Blümel, warte, mir fällt sogar im Moment eines dazu ein:

Ob Kleider mit Pünktchen, Karos, Streifen – diese Nase ist ohnegleichen!
Sie kleidet Frau Blümel wirklich sehr – so eine Nase, die macht was her!
Auf ihr kann ich tanzen oder verweilen, meine Gedanken mit Frau Blümel teilen.
Sie ist eine ganz famose Frau! Und ich muss es wissen, ich kenn sie genau!“

Rocky schloss seinen Schnabel und sah Frau Blümel erwartungsvoll an. Die schlug die Augen nieder und sagte dann: „Das war sehr schön, vielen lieben Dank, Rocky. Du hast ja recht, es sind gar nicht die Kinder. Es ist Herr Müller, mein neuer Nachbar…“ Rocky sah sie fragend von der Seite an. „Und? Was ist denn mit diesem Herrn Müller?“ „Er hat mich für morgen zum Tanzen eingeladen und ich habe zugesagt. Aber jetzt habe ich Angst: Was, wenn sich meine Nase beim Tanzen in seinem Gesicht verhakt? Oder in seiner Jackettasche hängen bleibt? Was, wenn ich ihn aus Versehen damit in den Hals pikse, was, wenn…“ „STOP!“ rief Rocky und schlug wieder einmal gebieterisch mit seinen Flügeln. „Also Frau Blümel! Das ist ja wunderbar! Du hast eine Einladung zum Tanzen! Herr Müller ist ein Glückspilz, und ich muss es wissen, ich habe ja schließlich oft genug auf deiner Nase und mit dir getanzt! Jetzt will ich dir mal was sagen: Hast du eigentlich schon mal auf meinen Schnabel geschaut? Ist dir vielleicht aufgefallen, dass der auch nicht gerade besonders klein und zierlich ausschaut?“ Frau Blümel nickte zaghaft. „Und, beschwere ich mich etwa?“ Frau Blümel schüttelte stumm den Kopf. „Siehst du, Frau Blümel! Ich will schließlich auch keinen kleinen Schnabel und komme gut mit dem meinen zurecht. Alles eine Frage der Übung. Genauso wie bei dir mit deiner Nase! Du kannst das! Nur Mut und freu dich einfach auf das Tanzen morgen mit Herrn Müller!“ „Meinst du wirklich, Rocky?“ Frau Blümel schaute den kleinen Vogel auf ihrer Nase noch etwas unsicher an. „Ganz bestimmt, Frau Blümel, ganz bestimmt! Und Herr Müller scheint sich ja auch nicht vor deiner Nase zu fürchten, sonst hätte er dich doch gar nicht erst zum Tanzen eingeladen!“ Rocky schaute Frau Blümel triumphierend an und tippelte wieder aufgeregt auf ihrer Nase hin und her. „So habe ich das noch gar nicht gesehen, stimmt eigentlich,“ überlegte Frau Blümel. „Du hast recht, Rocky! Jetzt bin ich aber erleichtert! Vielen Dank fürs Zuhören!“ „Gerne, Frau Blümel! Immer wieder gerne,“ krähte Rocky, glücklich darüber, dass er Frau Blümel wieder auf Spur gebracht hatte. Und zur Feier des geretteten Tages tanzten die beiden wild zu Rockys Lieblingslied aus den Nachtigallen-Charts den Nummer-1-Hit „Heute fürchte ich nichts“ durch Frau Blümels Wohnung.

Die Mutmachgeschichten stammen von ehrenamtlich Engagierten der TelefonSeelsorge Deutschland. Alle Fotos stammen von Gisela Merkuur/Pixabay.

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