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Mutmach-Geschichte zum 1. Advent

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Reisen Engel mit der Bahn?

Ich fahre beruflich viel und gerne mit der Bahn. Ich mag das lebendige Gedränge auf Bahnhöfen, Begegnungen zwischen Ankunft und Abreise, Abschied und Wiedersehen. Von einer besonderen Reise möchte ich hier erzählen.

Mein Sohn Julius, der im Urlaub immer Heimweh hatte, überraschte uns damit, dass er eine Zeitlang in Neuseeland die Schule besuchen wollte. Am 18. Januar 2020 ging es los. Von Frankfurt nach Wellington. Ich musste am selben Abend noch beruflich nach Hamburg. Um 18:15 Uhr ging der letzte Zug ab Frankfurt Flughafen. Ich war hin- und hergerissen. Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich nicht bis zum Schluss beim Gate winke – oder lasse ich einen Kunden auf seiner Veranstaltung sitzen?

Julius macht es mir leicht. Er wollte keine heulende Mutter am Gate. Er fand es vollkommend ausreichend, wenn ich und die ganze Familie ihn nach Frankfurt bringen würden. Er würde dort in den Flieger und ich in die Bahn steigen. Ich hielt mich tapfer, verabschiedete mich beim Check-In von meinem Kind und flitzte Richtung Zug. An diesem Sonntagabend stand kaum jemand am Bahnsteig. Statt des angekündigten ICEs fuhr ein wirklich in die Jahre gekommener IC ein. Ich suchte mir ein einsames Abteil, löschte noch das letzte Licht, kuschelte mich in eine Ecke und heulte wie ein Schlosshund.

In Frankfurt Hauptbahnhof ging vorsichtig die Tür auf. Eine Dame kämpfte sich im Dunklen bis zu ihrem Platz am Fenster vor. Ich sagte nichts, sondern weinte lautlos vor mich hin, bis ein tiefer Seufzer mich erschütterte. „Ist alles gut bei Ihnen?“ kam die Stimme aus dem Dunklen. Ich antwortete, sie möge mich einfach ignorieren. Ich hätte gerade am Flughafen meinen Sohn für drei Monate nach Neuseeland verabschiedet und nun hätte mich die Traurigkeit einfach übermannt.  Sie antwortete, dass Sie das gut verstehen könne. Eine ihrer drei Töchter sei ein Jahr in den USA. Sie könne sich noch gut erinnern, wie schmerzhaft der Abschied gewesen wäre. Sie schaltete die kleine Leseleuchte an und reichte mir ein Taschentuch. Just in diesem Augenblick wurde die Tür des Abteils dynamisch zurückgeschoben und der freundliche Mann mit der Minibar erschien: „Tee, Kaffee oder ein Bier?“ Meine Mitreisende fragte „Haben Sie auch Sekt? Wir müssen auf den Mut und die Liebe anstoßen. Denn einem Kind Flügel zu verleihen, verlangt viel Vertrauen ab. Die Basis für all das ist die Liebe.“

Wir kauften zwei kleine Flaschen Sekt und stießen auf unsere Kinder und die Liebe an. Wir plauderten über das Leben, lachten und die Zeit verging im Flug. In Hannover stieg meine Mitreisende aus. In der Tür stehend, dreht sie sich noch einmal um, wünschte mir alles Gute und meinte „Und denken Sie daran – er ist ja nicht allein, Gott ist immer bei ihm“.

Ich lehnte mich zurück. Statt der tiefen Traurigkeit, die ich am Anfang der Reise empfunden hatte, macht sich ein Gefühl von Wärme und Erschöpfung in mir breit. Ich ließ den Tag Revue passieren. Ich glaube Gott persönlich hatte mir diesen alten IC mit seinen Abteilwagen geschickt und den passenden Engel gleich dazu.

Die Mutmachgeschichten stammen von ehrenamtlich Engagierten der TelefonSeelsorge Deutschland. Alle Fotos stammen von Gisela Merkuur/Pixabay.

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