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Mutmach-Geschichte an Weihnachten

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Ein geschmückter und festlich leuchtender Tannenbaum, aufgeregte Kinder vor der Bescherung, zerknülltes Geschenkpapier in der gesamten Wohnung danach. Leckeres Essen mit einem oder mehreren Gläsern Rotwein und eine Wiederbegegnung mit dem einsamsten DJ der Welt – lange Jahre hat sich Heiligabend nach diesem von uns allen geschätzten und geliebten Rhythmus abgespielt. Seit einigen Jahren ist Weihnachten anders.

Während die Kinder bereits auf das Christkind warten, erinnere ich mich an zehn Weihnachtsfeste (2006 bis 2015), die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. In diesen Jahren holte ich jeweils am frühen Nachmittag meine Mutter aus Gütersloh ab. Sie lebte dort im betreuten Wohnen – stolz auf ihr eigenes Reich und ihre Unabhängigkeit. Großen Wert legte sie auch auf ihr eigenes Bett. Die 50 Kilometer Rückfahrt am späten Heiligabend von Bad Oeynhausen nach Gütersloh waren für sie daher verpflichtend. Sie wollte uns nicht zur Last fallen. Und sie freute sie sich auch auf einen ruhigen ersten Feiertag, ehe am zweiten Weihnachtstag ein weiterer Familienbesuch anstand. Während dieser zehn Rückfahrten mit meiner Mutter kam es zu den schönsten Zwiegesprächen, die wir miteinander teilten. Die emotionale Hochstimmung, bedingt durch die frohen Stunden zuvor, schuf im Auto eine Vertrautheit, die wir außerhalb der Weihnachtszeit nur noch selten erreichten.

Mit den Worten „danke für einen wunderschönen Abend“, einem dicken Kuss und der Bitte, „bloß vorsichtig zu fahren“, verabschiedete sie mich –  erstmals 2006 -, nachdem ich ihr noch die Stützstrümpfe ausgezogen hatte. Den Pflegedienst hatte sie wie immer an diesem Tag abbestellt. Melancholisch stieg ich ins Auto und schaltete das Radio ein. Ich blieb bei 1Live hängen. Dort hörte ich zum ersten Mal eine Stimme, die wahrlich nicht einfühlsamer für diesen Tag hätte sein können. Mike Litt führte bis 24 Uhr durch die Heilige Nacht. „Der einsamste DJ der Welt“, so die Arbeitsplatzbeschreibung des Moderators, hatte diesen Job Mitte der 90er Jahre übernommen und mit seiner natürlichen Art viele Stammhörer gewinnen können. Sein Mix aus einfühlsamen Gesprächen mit ebenfalls einsamen Menschen, lustigen Anekdoten, dem Vorlesen der Zuhörer-Mails sowie herausragender Musik fern des Mainstreams haben mich an jenem 24. Dezember 2006 zu seinem Fan werden lassen.

In den folgenden Jahren blieb ich Mike Litt immer treu, wenn ich meine Mutter nach Gütersloh zurückgebracht hatte. Die Zeit im Auto mit Mike bis zur Ankunft in Bad Oeynhausen war ein runder Abschluss des 24. Dezembers. Die Verbindung zwischen ihm, meiner Mutter und mir dauerte bis zum Heiligen Abend 2015. Elf Monate später starb sie mit 94 Jahren. Seitdem habe ich den „einsamsten DJ der Welt“ nicht mehr live gehört. Aber an den Heiligabenden danach habe ich mich immer an dieses Ritual erinnert. Die Gedanken daran waren zunächst ein wenig schwermütig. Dann aber stellte sich immer wieder ein Gefühl der inneren Ruhe und Zufriedenheit ein: das Gefühl, etwas sehr Schönes und Einmaliges erlebt zu haben. Dieses Weihnachten wird es hoffentlich nicht anders sein.

Die Mutmachgeschichten stammen von ehrenamtlich Engagierten der TelefonSeelsorge Deutschland. Alle Fotos stammen von Gisela Merkuur/Pixabay.

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