Bericht vom Internationalen IFOTES Kongress 2010 in Wien


Zuhören für den Frieden – Alternativen zur Gewalt entdecken.

Zu diesem Thema trafen sich vom 10.-14. Juli knapp 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 25 Ländern in Österreich, um sich mit dem Thema „Gewalt“ auseinanderzusetzen. Gewalt ist eine gesellschaftliche Realität und tritt in verschiedensten sozialen Bereichen auf: in Familien, in der Schule, am Arbeitsplatz. Sie richtet sich gegen die eigene Person, gegen Gruppen und immer wieder auch gegen sich selbst. Strukturelle Gewalt manifestiert sich in der ungleichen Verteilung des Wohlstandes, in Ausgrenzung und Armut, ungleichen Bildungschancen, Zweiklassenmedizin, Fremdenfeindlichkeit oder Arbeitslosigkeit. All das kennen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Gesprächen am Telefon – auch Gewalt, die sich gegen sie selber richtet, wenn sie durch verbale Gewalt attackiert oder durch üble Streiche am Telefon provoziert werden.

Die Teilnehmenden hatten Gelegenheit in zahlreichen Vorträgen, Präsentationen, Workshops und Diskussionsrunden Strukturen zwischenmenschlicher Gewalt zu reflektieren und mögliche Alternativen, Präventionsmaßnahmen oder Schutzmöglichkeiten zu erörtern. Dabei wurde auf dreifache Weise die Umwandlung von Schwäche hin zu Stärkung in den Blick genommen: A) Auf der Wahrnehmungsperspektive: In welchen Situationen und auf welchen Ebenen schränkt Gewalt die Lebenszufriedenheit im Handlungsfeld der Telefonseelsorge ein? B) Verantwortung entdecken: Was sind die Möglichkeiten und Ressourcen für Gewaltprävention? C) Qualitätsentwicklung: Welche Zuhörstrategien sind in der Lage Aggression zu balancieren, emotionale Gewalt am Telefon abzuwehren und Anrufende, die unter Gewalt leiden, zu unterstützen.

Das Thema wurde an den einzelnen Tagen des Kongresses aus unterschiedlichen Richtungen hinterfragt. Der erste Tag nahm die Gewalt als innerpsychisches Phänomen unter die Lupe: was macht mich ärgerlich, wo ist meine innere Gewaltbereitschaft, wie entsteht eine gewaltbereite Persönlichkeit? Der zweite Tag hat die gesellschaftlichen Strukturen und die soziale Verantwortung in den Blick genommen und der dritte Tag stand im Fokus von Gewalt im zwischenmenschlichen Beziehungsgeschehen.

Trotz der Schwere und Komplexität des Themas war eine lebendige, fröhliche und kreative Stimmung während des gesamten Kongresses zu beobachten, denn der internationale Austausch von Menschen, die ein soziales Engagement miteinander teilen, öffnet Räume für Begegnung und Lebensfreude. Aber auch die thematische Einbeziehung von Humor durch Clowns und Narren, die sich während des Kongresses immer wieder Aufmerksamkeit und Gehör verschafften, die kulturellen Ausflüge, Empfänge und Feste sowie der wunderschöne Campus der Universtät trugen bei Hochsommerlichen Temperaturen zu einer fantastischen Stimmung bei.

Der Kongress in Wien war die größte dreijährig sich wiederholende Veranstaltung, die IFOTES (International Federation of Telephone Emergency Service) jemals veranstaltet hat. Die exzellente Organisation vor Ort sowie das freiwillige Engagement der Referentinnen und Referenten und der Dolmetscher, die die Vorträge in bis zu vier weitere Sprachen übersetzt haben, haben zur Realisierung dieses Projektes beigetragen. Neu war dieses mal, dass der Kongress per Lifestream ins Internet übertragen wurde und mehrere Tausend Menschen, die nicht selbst in Wien teilnehmen konnten, sich während des Kongresses per Internet zugeschaltet haben bzw. die Beiträge im Nachhinein mit verfolgen konnten.

Zum zweiten Mal bereits wurde der Internationale Kongress von IFOTES offiziell von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstützt. Denn 32 Mitgliedsverbände in 28 Ländern mit über 600 Telefonseelsorgestellen leisten auf freiwilliger Basis einen Rund-um die Uhr-Dienst. Dabei sind ca 30.000 Ehrenamtliche aktiv und über 600 professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Von allen Mitgliedsföderationen zusammen werden im Jahr mehr als 5 Millionen Krisengespräche geführt und über 25.000 Mail- und Chatkontakte beantwortet.

Im Rahmen des Kongresses findet immer auch die Generalversammlung des Verbandes statt, in der über die Arbeit der vergangenen drei Jahre berichtet wird, Ziele für die Zukunft benannt werden, neue Mitglieder aufgenommen werden und Wahlen sowie Abstimmungen stattfinden. Während der Generalversammlung wurde Dr. Stefan Schumacher, Leiter der Telefonseelsorge Hagen-Mark in Deutschland zum neuen Präsidenten von IFOTES gewählt und löst damit seinen Vorgänger Mark Milton aus der Schweiz ab, der nach 10 Jahren sein Amt niedergelegt hat.

Nähere Informationen zu dem Kongress erhalten Sie unter www.ifotescongress2010.org und Informationen zu dem Verband unter www.ifotes.org.